Für unseren geliebten Nick


Mitte April 2007 klagte Nick an einigen Tagen über Bauchschmerzen. Da er auch ein ganz guter Esser war und jedes Kind mal Bauchschmerzen hat, dachten wir uns nichts weiter dabei. Nachdem er seine Morgentoilette erledigt hatte, war es dann auch wieder besser und er ging in den Kindergarten. Uns fiel allerdings auf, dass seine Vesperbox zunehmend voller wieder nach Hause kam und er immer weniger aß.

Die Bauchschmerzen häuften sich jedoch und Nick stand wiederholt nachts bei mir am Bett und bat mich, seinen Bauch zu streicheln und eine Wärmflasche zu machen. Den Höhepunkt erreichte dies als wir an einem April Wochenende 2007 noch einen 1,5 stündigen Aufstieg auf eine bayrischen Hütte machten, um Onkel Franks und Tante Karins Geburtstag zu feiern. Nick hielt durch. In der Nacht auf der Hütte weinte er jedoch vor Schmerzen die ganze Nacht und uns wurde langsam klar, dass es sich nicht um Verdauungsstörungen handelte.

Als Papa Harry gleich darauf mit Nick zur Kinderärztin ging, machte diese einen Einlauf und tastete ihn ab. Entzündete Darmschlingen - das war es! Zwei Tage lang war es dann auch besser.
Als wir Nick am Montag, den 30.4.2007 wg. anhaltender Schmerzen wieder vorstellten, stellte die Kinderärztin beim Ultraschall etwas fest "was da nicht hingehört". Die Einweisung ins Olgahospital machte uns stutzig. Papa Harry rief mich am Nachmittag an und sagte mir am Telefon - noch nichtsahnend - dass es sich um ein Neuroblastom handele. Ich tat was ich immer tue, wenn ich Informationen benötige, ich google danach.
www.google.de "Neuroplastom" - selbst falsch geschrieben sackte mir in Sekundenschnelle alles Blut aus dem Kopf in die Beine und ich wurde fast ohnmächtig. Die Treffer auf dieser harmlosen Google-Seite zeigen Worte wie "Krebs", "Chemotherapie", "Kampf verloren". Ich hoffte auf ein Mißverständnis, aber als ich dann abends Harry im Olgahospital ablöste und um ein Arztgespräch bat, wurde der Verdacht auf Neuroblastom wiederholt.

A b g r ü n d e.

Der Boden öffnet sich unter den Füßen,
alles gerät aus den Fugen.
Die Verzweiflung ist unbeschreiblich.


An die Nacht auf C06 im Olgahospital kann ich mich nicht mehr erinnern. Es war ein Fall ohne Netz und Boden. Ich weiß nur, dass unablässig wie ein Laufband durch den Kopf geht "unser Kind hat Krebs".

Am nächsten Morgen - das war der 1. Mai 2007 - sind wir auf K1 - die Kinderkrebsstation - verlegt worden. Carola meine beste Freundin und Nicks Patentante, die ich verständigt hatte, empfing uns dort. Harry war noch bei unserem kleinen Sohn Luke (zu dem
Zeitpunkt 1 Jahr alt) zuhause und informierte enge Freunde und Verwandte.

Ich weiß noch, daß ich mit Nick über den Flur nach hinten lief und die Wände voller Bilder von krebskranken Kindern sah. Und völlig geschockt sah ich beim Vorbeilaufen in den Zimmern bleiche, kahlköpfige Kindern. Wahnsinn.

Und dann waren da gleich die Clowns, die jeden Dienstag auf K1 kommen und gleich bei uns im Zimmer standen. Da liefen die Tränen. Die Situation war grotesk. Was machen wir hier? Was wird mit uns geschehen? Wie sehr muß Nick leiden?

Am Anfang denkt man noch, es kommt jemand, der sagt es ist ein Mißverständnis bzw. der einem hilft oder eine Lösung aufzeigt, gut zuspricht und aus dem Albtraum herausholt. Man hat zu diesem Lebensweg nicht ja gesagt - es hat einen keiner gefragt. Und doch nahm am 1. Mai unser Leben - völlig unvorbereitet - eine dramatische Wendung. Jedes Lachen und jede Lebensfreude versiegte von einer Stunde auf die andere. Niemand konnte uns helfen - am wenigsten wir uns selbst.

Papa Harry reduzierte sofort seine Arbeitszeit auf 15 Stunden pro Woche um für Nick da zu sein. Für Mama Tanja begann auch eine schwere Zeit. Denn der Part "nicht immer hautnah dabei zu sein" ist nicht unbedingt der Einfachere.

10 unendlich lange Tage später bekamen wir den Verdacht und leider noch mehr bestätigt: Neuroblastom - im Stadium IV (wir hofften noch auf III).

Wie weit das "Neuroblastom Stadium IV" fortgeschritten war erfuhren wir in einem niederschmetternden Gespräch. Die Metastasen waren bereits im Schädel-Basis, im Brustbein, in den Armen, komplette Wirbelsäule, im Knochen, im Knochenmark, Rückenmark, Niere, Lymphknoten, komplettes Becken, ganzen Bauchraum, im linken Oberschenkel und Knie. Er ist damit und vor allem auch wegen seines fortgeschrittenen Alters Hochrisikopatient und bekommt für die Dauer von einem Jahr eine sehr starke Chemotherapie.
Der Primärtumor an Nicks Nebenniere war ursprünglich ca. 12 x 5,5 x 4,5 cm groß. Eine Operation zu diesem Zeitpunkt ist ausgeschlossen. 
Die Überlebenschancen sind schlecht - liegen bei ca. 20%. Noch dazu, sagt man uns, ist die fortgeschrittene Metastasierung im Knochen auch sehr ungünstig.

Der Schock sitzt.

Kein Gefühl mehr im Körper. Die Seele schmerzt, fühlt sich an wie am Sterben. Man sitzt nur mit seinem Körper da und der Kopf pocht. Alles Innere ist wie verknotet und abgeschnürt.

Und wie aus heiterem Himmel begannen für Nick die ganz schlimmen Tumor-Schmerzen, welche durch die Raumforderung im Körper entstand. Er hat vor allem nachts furchtbar geweint und um sich getreten. Es war schlimm für ihn. Und schlimm für uns, da wir miterleben mußten, wie unser Kind leidet.

                                                      

Am 10. Mai 2007 bekam er in einer OP den Hickman-Katheter eingesetzt und am 11. Mai lief bereits die erste Chemo. Genau 12 Tage später fielen die ersten Haare aus.

 

Wir entschlossen uns die in Büschel ausgehenden Haare erst zu kürzen und
kurze Zeit später dann ganz abzurasieren.

 Es war nichts mehr wie es war.

 Luke ist zu dem Zeitpunkt 1 Jahr alt

Unser Familientraum ist einfach so zerplatzt.

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